Amoklauf und Killerspiele? - Ein Kommentar
21. November 2006
Nach dem gestrigen Amoklauf in Emsdetten herrscht das große Chaos im deutschen Land. Sind die “Killerspiele” schuld? Ein Kommentar.
Sie schreien alle laut. Nicht, weil ihnen weh getan wurde, sondern weil es ihre Pflicht ist. Berufspolitiker und Vertreter namhafter Verbände fordern nach dem gestrigen Amoklauf in Emsdetten ein Verbot von so genannten “Killerspielen”. Nicht zum erstenmal! Die Debatte kocht immer wieder hoch. Die Medien berichteten schon mehrmals über Beiträge von Politikern. Durch das Ereignis gestern im Münsterland scheint die Debatte aber wieder die Agenda in den Medien und damit unter der Bevölkerung zu bestimmen. Jedes Medium - von ARD, über SPIEGEL ONLINE, bis hin zu den lokalen Radiostationen: Alle sagen, die Computerspiele wären schuld. Oder sie haben zumindest eine Mitschuld.
Fakten? Der junge Mann brachte sich mit seinen 18-Jahren gestern in seiner ehemaligen Schule um. An seinem Körper hatte er Sprengsätze - manche davon verteilte er auf dem Schulgelände. Er ballerte wild um sich, schoss eine Lehrerin und einen Hausmeister an. Polizisten erlitten eine Rauchvergiftung, da er Rauchbomben zündete. Wahrlich ein schreckliches Ereignis, welches zurecht besprochen wird.
Aber weshalb muss Counter Strike herhalten? Der Shooter von Valve Software zeichnet sich dadurch aus, dass der Spieler taktisch vorgehen muss: Bomben entschärfen, und ein Teammitglied anzuschießen, wird bestraft.
Der Junge jedoch hatte keine Freunde, nicht wirklich. In seinem Abschiedsbrief, der mir vorliegt, beschreibt er seine Gefühle. Er zeigt sich von unserer Gesellschaft enttäuscht, man würde ihm die Chance verwehren, sein Individuum auszuleben. Er wollte nicht arbeitslos werden, und wenn er einmal ein Haus aufbaut, so würde es irgendwann kaputt geben. Kinder, die er zeugt, würden irgendwann sterben. Ihm fehlte der Sinn des Lebens. Er war verzweifelt.
Nicht aber, weil er Counter Strike spielte, sondern …
… weil er in seiner Schule gemobbt wurde. Er erzählte in einem Beratungsforum, in der siebten Klasse wollte ihn ein Hauptschüler schlagen. Und er sei zweimal sitzen geblieben. Er war von sich selber enttäuscht und flüchtete in seine eigene Welt, in der auch der Computer eine Rolle spielte.
Aber spielt er die Hauptrolle?
Im Internet lassen sich Beiträge (die meisten wurden nach dem Vorfall inzwischen schnell entfernt) lesen, in denen er erzählte, in Counter Strike habe er seine Schule nachgebaut, in einem Level. Er fand das anscheinend interessant. Er wollte Rache, Blutrache, das schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Aber dass ihn Counter Strike zu dieser Tat bewog, darf stark bezweifelt werden.
Gestern Abend in den ARD-Tagesthemen um 22:15 Uhr beschrieb ein Experte treffend, Computerspiele könnten Aggressionsverstärker, wohl aber weniger -verursacher sein. Das ist ein Punkt, an dem Medien und Politiker ansetzen sollten.
Der Amokläufer war schier verzweifelt, sah sich als Verlierer. Es liegt nun an unserer Gesellschaft, aus Verlierern Gewinner zu machen. Man sollte aber vielen nicht ihre Spiele, die ihnen Spaß, oftmals als einzige Sache Spaß machen, wegnehmen. Und man sollte überlegen, ob wirklich Counter Strike immer für die “Killerspiele”-Debatte herhalten muss.
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