“Als Visionär prophezeie ich Spiele, in denen wir fühlen”, sagt Jan-Philipp Buck, Chefredakteur des Spielemagazines Daddelfieber. Mit mir sprach der 18-jährige Schüler und Nachwuchsjournalist aus Hamburg über die Spielebranche.

Am vergangenen Sonntag diskutierte ARD-Talkerin Sabine Christiansen über das Thema “Die Russen kommen”. Zugast war unter anderem der russische Botschafter, seine Exzellenz Vladimir Kotenev. Kommen sollte auch der Kreml-Kritiker Garri Kasparow - allerdings lud Christiansen den Schachweltmeister kurz zuvor wieder aus; wegen technischen Gründen, so die offizielle Erklärung.

Kasparow und viele andere gehen hingegen davon aus, es gab Druck vom Botschafter Kotenev. Dieser soll, so Medienberichte, gesagt haben, er würde nicht zusammen mit Kasparow bei Christiansen auftreten - er oder der Kreml-Kritiker. Die Redaktion entschied sich für den Diplomaten.

Einige zweifeln an Christiansens Darstellung, es habe keinen Druck vom Botschafter gegeben. Auch der Chef der FDP-Landtagsfraktion, Jörg-Uwe Hahn, der im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunk sitzt. Dieser forderte vom Rundfunkratchef, “dass bis zur Klärung dieses Vorgangs Frau Christiansen keine Möglichkeit erhält, weiterhin in der Prime Time am Sonntagabend bei der ARD zu moderieren”. Eine gute Idee.

Zuletzt fiel Frau Christiansen negativ auf, als sie Ende November über so genannte “Killerspiele” debattierte und die Gäste recht einseitig ausgewählt wurden (vgl. meinen Kommentar auf GamePorts und Readers Edition). Es darf zumindest angenommen werden, dass die Frau - bald verlässt sie ja die ARD - in einer kleinen Krise steckt, oder zumindest derzeit einiges an Fehlern macht.

Im Gespräch mit dem Onlinespielemagazin GamePorts forderte die Junge Union eine “Harmonisierung des europäischen Jugendschutzes”. Die “Killerspiele”, welche die Zuschauer im Fernsehen gezeigt bekämen, seien in Deutschland ohnehin längst indiziert oder verboten, sagte Daniel Walther, medienpolitischer Sprecher im Bundesvorstand der Jungen Union, dem Magazin.

Außerdem: killerspielverbot.de - mitmachen!

Das Thema “Killerspiele” scheint die Menschen zu interessieren. Nicht nur, dass es am Montag und Dienstag (ergo: zwei Tage hintereinander), jeweils das Topthema bei den ARD “Tagesthemen” und dem ZDF “Heute Journal” war. Nein, auch viele andere Medien haben inzwischen unzähliche Beiträge gebracht - stern.de, zeit.de, vor allem Spiegel Online und die Netzeitung. Ganz zu schweigen vom Internet-Angebot der GameStar, die täglich Interviews bringen. Inzwischen findet die Spielebranche auch in den General Interest-Medien Gehör. Auch mein Kommentar “Amoklauf und Killerspiele?” ist beliebt. Er erschien neben GamePorts und diesem Weblog auch auf exalo.eu und der Readers Edition - inklusive einigen Kommentaren. Andere Meldungen von mir wurden zwischen 400 und über 1 000 Mal auf GamePorts geklickt, eine Meldung erschien darüberhinaus auf onlinezeitung24.de. Das ermuntert mich gleich, das Thema weiter zu behandeln. Leider beharren immer noch viele Politiker auf ein Verbot von so genannten “Killerspielen”.

Nach dem gestrigen Amoklauf in Emsdetten herrscht das große Chaos im deutschen Land. Sind die “Killerspiele” schuld? Ein Kommentar.

Sie schreien alle laut. Nicht, weil ihnen weh getan wurde, sondern weil es ihre Pflicht ist. Berufspolitiker und Vertreter namhafter Verbände fordern nach dem gestrigen Amoklauf in Emsdetten ein Verbot von so genannten “Killerspielen”. Nicht zum erstenmal! Die Debatte kocht immer wieder hoch. Die Medien berichteten schon mehrmals über Beiträge von Politikern. Durch das Ereignis gestern im Münsterland scheint die Debatte aber wieder die Agenda in den Medien und damit unter der Bevölkerung zu bestimmen. Jedes Medium - von ARD, über SPIEGEL ONLINE, bis hin zu den lokalen Radiostationen: Alle sagen, die Computerspiele wären schuld. Oder sie haben zumindest eine Mitschuld.

Fakten? Der junge Mann brachte sich mit seinen 18-Jahren gestern in seiner ehemaligen Schule um. An seinem Körper hatte er Sprengsätze - manche davon verteilte er auf dem Schulgelände. Er ballerte wild um sich, schoss eine Lehrerin und einen Hausmeister an. Polizisten erlitten eine Rauchvergiftung, da er Rauchbomben zündete. Wahrlich ein schreckliches Ereignis, welches zurecht besprochen wird.

Aber weshalb muss Counter Strike herhalten? Der Shooter von Valve Software zeichnet sich dadurch aus, dass der Spieler taktisch vorgehen muss: Bomben entschärfen, und ein Teammitglied anzuschießen, wird bestraft.

Der Junge jedoch hatte keine Freunde, nicht wirklich. In seinem Abschiedsbrief, der mir vorliegt, beschreibt er seine Gefühle. Er zeigt sich von unserer Gesellschaft enttäuscht, man würde ihm die Chance verwehren, sein Individuum auszuleben. Er wollte nicht arbeitslos werden, und wenn er einmal ein Haus aufbaut, so würde es irgendwann kaputt geben. Kinder, die er zeugt, würden irgendwann sterben. Ihm fehlte der Sinn des Lebens. Er war verzweifelt.

Nicht aber, weil er Counter Strike spielte, sondern …

… weil er in seiner Schule gemobbt wurde. Er erzählte in einem Beratungsforum, in der siebten Klasse wollte ihn ein Hauptschüler schlagen. Und er sei zweimal sitzen geblieben. Er war von sich selber enttäuscht und flüchtete in seine eigene Welt, in der auch der Computer eine Rolle spielte.

Aber spielt er die Hauptrolle?

Im Internet lassen sich Beiträge (die meisten wurden nach dem Vorfall inzwischen schnell entfernt) lesen, in denen er erzählte, in Counter Strike habe er seine Schule nachgebaut, in einem Level. Er fand das anscheinend interessant. Er wollte Rache, Blutrache, das schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Aber dass ihn Counter Strike zu dieser Tat bewog, darf stark bezweifelt werden.

Gestern Abend in den ARD-Tagesthemen um 22:15 Uhr beschrieb ein Experte treffend, Computerspiele könnten Aggressionsverstärker, wohl aber weniger -verursacher sein. Das ist ein Punkt, an dem Medien und Politiker ansetzen sollten.

Der Amokläufer war schier verzweifelt, sah sich als Verlierer. Es liegt nun an unserer Gesellschaft, aus Verlierern Gewinner zu machen. Man sollte aber vielen nicht ihre Spiele, die ihnen Spaß, oftmals als einzige Sache Spaß machen, wegnehmen. Und man sollte überlegen, ob wirklich Counter Strike immer für die “Killerspiele”-Debatte herhalten muss.