Die Anspannung zwischen dem Iran und dem “zionistischem Staat” Israel ist weiterhin zu spüren, gerade wegen dem derzeitigen Konflikt zwischen Persien und Großbritannien um die 15 britischen Soldaten. Längst ist bekannt, dass der iranische Präsident Mahmūd Ahmadī-Nežād (Ahmadinedschad) die Existenz Israels nicht anerkennen will, den jüdischen Staat sogar von der “Landkarte tilgen” möchte.
Auch auf deutschem Boden wird iranische Diplomatie groß geschrieben. Auf der Website des Generalkonsulates der islamischen Republik Iran in Frankfurt/Main heißt es: “Die Ausstellung des Visums für ausländische Staatsbürger, mit Ausnahme Staatsbürger der Besatzungsmacht Israel, ist nach unseren Richtlinien unbedenklich.” Interessant ist der (von mir) fett markierte Teil. Meinen Recherchen zufolge wird die Seite des Konsulates in Deutschland bei 1und1 gehostet. Ergo: Innerhalb der Bundesrepublik wird von einer hohen, wenn auch nicht deutschen Instanz das Existenzrecht Israels stark in Zweifel gezogen; hier in Deutschland, wo man sich stets bemüht, zu seinen israelischen Freunden so freundlich zu sein, wie es nur geht.
Das Auswärtige Amt wurde informiert
Wolfgang Gehrcke, außenpolitischer Sprecher der Linkspartei im Bundestag, nennt die Formulierung “nicht besonders sympathisch”, sie würde jedoch die “rechtliche Situation in Bezug auf die palästinensischen Gebieten” treffen, so der Politiker auf meine Anfrage. (Die gesamte Antwort ist hier zu lesen.) Sein Kollege bei der FDP, Dr. Werner Hoyer, richtete eine Anfrage an das Auswärtige Amt, wo es jedoch bislang noch keine Antwort gab. Auch auf meine E-Mail hin gab es bislang von den Diplomaten keine Reaktion. Es sei jedoch, so ein Mitarbeiter Hoyers, in der BRD - bei allem Respekt - rechtlich erlaubt, das Existenzrecht Israels anzuweifeln. Ich solle jedoch eine abschließende Stellungnnahme des Auswärtigen Amtes abwarten.
Ablehnung von der israelischen Botschaft
Die israelische Botschaft in Berlin verurteilte gegenüber mir in einer E-Mail den Hinweis auf der iranischen Website und bat mich, als deutscher Staatsbürger die “deutschen Behörden auf diesen Fall aufmerksam zu machen und gegen die von Ihnen genannten Verletzungen zu protestieren”. Ob eigene Initiativen unternommen werden, lies mein Ansprechpartner offen.
Abgesehen von alledem, kommt die Website des Generalkonsulates nicht der Impressumspflicht nach. Damit beschäftigt sich auf meine Anfrage hin nun die SPD-Bundestagsfraktion, wie mir ein Mitarbeiter von Prof. Gert Weisskirchen, außenpolitischer Sprecher der SPD, mitteilte.
Wie die (neue) Al-Qaida tickt
27. September 2006
Es ist sicherlich nicht verborgen geblieben, welches Thema mich derzeitig am häufigsten beschäftigt: Der Islam, vor allem aber die Al-Qaida und alles, was dadurch mit uns Westeuropäern zusammenhängt. Soeben habe ich auch das sehr informationsreiche Buch von Yassin Musharbash fertiggelesen, das “Die neue Al-Qaida” heißt; der Untertitel lautet: “Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks”.
Musharbarsh ist Redakteur im Berliner Büro von Spiegel Online. 1975 als Sohn einer deutschen Mutter und eines jordanischen Vaters geboren, studierte er Arabistik und Politikwissenschaften in Göttingen und in den Palästinensischen Gebieten. Sein Buch skizziert die Struktur der islamistischen Organisation respektive Bewegung Al-Qaida, die er als offen für alle Sympathisanten des Dschihads bezeichnet. Vor allem Dank des Internets haben sich, so Musharbash, für die radikalen Muslime neue Möglichkeiten eröffnet, untereinander zu korrespondieren. So gebe es bekannte Foren, auf denen täglich über tagesaktuelle Themen, über Gesinnungen gesprochen wird; aber auch Bekennerschreiben werden über das Internet veröffentlicht und haben so die Geheimdienste bewogen, mitzulesen. Gleichzeitig sei es heute in der dritten Qaida-Generation so, dass Anschläge, bis auf sehr wenige Ausnahmen, nicht von der Führung geplant und/oder genehmigt werden, sondern unscheinbare Sympathisanten des radikalen Islams solche in Eigenregie organisieren und ausführen.
Interessant ist auch die Einschätzung Musharbashs und seiner Gesprächspartner (u.a. auch bekennende Dschihadisten), wie die Al-Qaida sich weiterentwickeln könnte. Besonders aber, was ihre eigentliche Ziele sind. Es geht Bin Laden primär darum, die (angeblich) vom Glauben abgefallenen Herrscher orientalischer Staaten zu bekämpfen. Die gleichzeitige Vernichtung der Ungläubigen (ergo: der Juden und des Westens) spielt dabei eine zwar insgesamt wichtige Rolle, ist für die ursprünglichen Ziele der Al-Qaida jedoch nur zweitrangig. Die “Kreuzritter” unter Federführung der USA nehmen Einfluss auf die islamisch geprägten Staaten, sodass sie sich selbst zum Ziel der fanatischen Muslime machen.
Yassin Musharbash spricht auch die so genannte “Agenda 2020″ an. Darin geht es um sieben Phasen, die im Jahre 2020 zum Sieg des Islams gegen die Ungläubigen führen sollen. Von anderthalb Milliarden Muslimen ist da die Rede, die den Westen zur Kapitulation zwingen. Zuvor wird schrittweise versucht, ein Kalifat zu errichten, und die vom Glauben abgefallenen Herrscher zu stürzen. Wir befinden uns nach diesem “Masterplan” derzeit am Ende der zweiten Phase, welche als “das Augenöffnen” bezeichnet wird. Von 2007 bis 2010 soll demnach “das Aufstehen und Auf-zwei-Beine-Stellen” folgen. Vor allem wird sich ein Fokus auf Syrien ergeben. Autor dieser Agenda ist der jordanische Autor und Journalist Fuad Hussein. Der Text ist, so Musharbash, kein offizielles Dokument der Al-Qaida, sondern das Ergebnis von den Korrespondenzen Husseins mit Kadern der Terrorismusorganisation.
Sein Buch beendet Yassin Musharbash mit dem Fazit, dass die Al-Qaida möglicherweise noch stärker werden, aber den Westen und große Teile der islamisch geprägten Staaten nicht übernehmen wird. Er schließt jedoch nicht die Ausrufung kleinerer Länder unter der Kontrolle von Dschihadisten aus.
Insgesamt ist “Die neue Al-Qaida” ein sehr lesenswertes Buch, das ich jedem ans Herz lege, der sich für die Struktur, also die Arbeitsweise und die Ziele der weltweit bekanntesten Terrororganisation interessiert.
Die neue Al-Qaida, Yassin Musharbash, Kiepenheuer & Witsch, 8,95 Euro