Die EU wird größer, immer größer und wenn es nach dem ein oder anderen Politiker geht, wird der Erweiterungsprozess zügig vorangeschritten. Der Beitritt der Türkei steht ebenfalls zur Debatte.

Einige Vordenker aus dem Europäischen Parlament machen sich deswegen Gedanken, welche Alternativen es gibt. Andreas-Renatus Hartmann, Experte für Außenpolitik bei der EVP-ED-Fraktion der Christdemokraten in Brüssel, empfiehlt in einem Beitrag für die heutige “Frankfurter Allgemeine” (FAZ) ein “europäischen Commonwealth“.

Es soll mehr als nichts sein - und weniger als ein Beitritt zur langsam überlastenden Europäischen Union, schreibt Hartmann: “Es soll die erweiterte EU mit ihren engeren östlichen Nachbarn verbinden, also mit jenen osteuropäischen Staaten, die bereits heute Mitglied der europäischen Nachbarschaftspolitik sind, sowie zusätzlich mit den anderen Staaten, der östlichen Peripherie und anschließend auch mit den Staaten der Mittelmeerkooperation.”

Kurz: Der Autor möchte eine Mitgliedschaft zweiter Klasse etablieren, ohne direkten Zugriff auf politische Entscheidungen im Bürokratie-Dschungel der EU.

Das Konzept hat einen gewissen positiven Beigeschmack, da einige Staaten vertröstet werden können. Die Europäische Union sollte sich allerdings auf ihre Kernkompetenzen, die Wirtschaftszusammenarbeit mitteleuropäischer Länder, konzentrieren und nicht asiatische sowie nordafrikanische Länder bedienen. Obendrein empfiehlt Andreas-Renatus Hartmann nämlich, “der Sitz des europäischen Commonwealth” könnte in Istanbul “festgelegt werden, dem geographischen Zentrum des neuen politischen Systems”.

Wo sich bei mir die Frage aufgetan hat: Und was hat das mit Europa zu tun?

Marco ist aus dem Gefängnis und befindet sich inzwischen zurück in Deutschland. Zwar ist längst noch kein Urteil gefallen, doch bis zur Weiterverhandlung in der Türkei im April kann der 17-Jährige erst einmal ausspannen. Er wolle sich jetzt erst einmal eine Woche zurück ziehen und von seinen Eltern verwöhnen lassen, lies er durch einen seiner Rechtsanwälte ausrichten. Zugleich strahlte RTL jedoch gestern ein exklusives Interview mit Marco aus, eine Welle der Entrüstung bricht seit dem aus.

Es ist allerdings einfach, Marco und seiner Familie aufgrund dieser Berichterstattung etwas Verwerfliches vorzuwerfen.

Die Familie Weiss im Allgemeinen und Marco im Besonderen befinden sich in einer schweren Lage, die nicht nur dadurch geprägt ist, dass Marco acht Monate im Gefängnis saß; dazu kommt, dass Familie Weiss von der deutschen Presse quasi belagert wird. Es ist jetzt abzuwägen, was besser für sie ist. Aus moralischer Sicht ist der exklusive Deal mit RTL eher verwerflich, außerdem stellt sich Marco nicht der freien Presse, sodass ARD, ZDF, dpa, Reuters & Co. kein eigenes Material zum Versenden haben. Nun wäre dies aber mit einem großen, medialen Rummel verbunden gewesen, mit vielen Reporterteams, die auf einen einreden. Ist es da nicht interessanter, sich nur einem Team zu offenbaren, das zwar viel gezeigt bekommt, sich ansonsten aber eher zurückhält, mit einem in das Feld geht und dort in Ruhe interviewt, das mit einem vor einem “Kamin” sitzt und freundliche Fragen stellt und sogar darauf hinweist, man würde zum eigentlichen Problem keine Fragen stellen? Ich glaube, dies ist für Marco und seine Familie viel besser, und hat den positiven Nebeneffekt, dass es Geld bringt, das der Familie, die wenig hat, ebenfalls hilft.

Dass wir immer nur das Negative bei einem solchen, von RTL natürlich ausgeschlachtenen Exklusiv-Deal sehen, finde ich sehr schade und zeigt die Verbortheit vieler Menschen in unserer Gesellschaft. Dafür sollten sich diejenige genauso schämen, wie sie von Marco und seiner Familie Scham fordern.

Eigentlich könnte jetzt die Stunde der BILD-Zeitung schlagen. Mit ihren Millionen Lesern hätte sie die Möglichkeit, die Türken ein wenig unter Druck zu setzen. Das macht sie sonst auch, nur leiden die Menschen darunter. Dieses Mal könnte jemand davon profitieren.

Doch so leicht gibt die BILD ihr mieses Image nicht ab. Wie das BILDblog berichtet, ist es dem Chefredakteur wohl wichtiger gewesen, ein Interview mit Marco Weiss zu bekommen. Schade eigentlich.

Zurzeit sitzt der 17-jährige Marco Weiss in der Türkei in Haft. Grund: Die Mutter eines 13-jährigen Mädchens aus England hat den Deutschen angezeigt - sexuelle Belästigung, so der Vorwurf. Empörung überall: Das Mädchen hat sich als 15-Jährige ausgegeben und zu Geschlechtsverkehr soll es nicht gekommen sein, wie beide sagen. Auch eine Untersuchung bei der kleinen Charlotte war ergebnislos - sie ist Jungfrau. Trotzdem hat die türkische Polizei Marco festgenommen, seit dem sitzt er mit rund 30 anderen Häftlingen in einem Gefängnis - unter menschenunwürdigen Bedingungen, wie es heißt.

Steinmeier & Co. setzen sich seit dem für Marcos Freilassung ein, doch bleibt die türkische Justiz bislang hart. Ich kann mich den deutschen Forderungen nur anschließen. Ein höchstwahrscheinlich unschuldiger, junge Mann sollte nicht kriminalisiert werden, nur weil er mit einem Mädchen rumgemacht hat - ein normales Verhalten. Die Türkei scheint immer noch nicht in Europa angekommen sein, wie auch der aktuelle SPIEGEL (Seite 48/49, von Carsten Holm) schreibt.

Roger Cicero ist zwar nicht der allerbeste Sänger - aber er gehörte zumindest zu den besten an diesem Abend. Trotzdem: Serbien bekam die meistens Stimmen aus ganz Europa und halb Asien. Cicero hingegen muss sich mit einem Platz im Mittelfeld zufrieden geben.

Wenn man eines aus dem heutigen Abend gelernt hat, dann das: Beim “Grand Prix” mischen einfach zu viele Köche mit. Ehemalige Ostblock-Staaten geben sich gegenseitig Punkte, was am Ende aufgrund der Fülle an osteuropäischen Staaten in der Tabelle deutlich wird. Gut dabei war auch die Türkei: Zwölf Punkte gab es aus Deutschland. Wir bekamen natürlich von den Türken keinen, genauso wenig wie aus Frankreich.

Der NDR sollte sich entsprechend überlegen, ob ein vom Steuerzahler finanziertes Engagement zukünftig noch sinnvoll ist, oder man doch lieber dieser Farce endlich ein Ende bereitet. Eine Verbannung in das NDR-Abendprogramm abzüglich großer medialer Präsenz würde sich nett anhören.

Türkei spielt in Frankfurt

6. September 2006

Die Türken spielen heute Abend in der Commerzbank Arena (Frankfurt am Main) gegen Malta. Und zwar ohne Zuschauer. Der Grund ist die Strafe (drei Heimspiele, nicht in der Türkei, ohne Fans) von der FIFA nach den schweren Vorfällen beim Spiel gegen die Schweiz. Möglicherweise wird die Türkei auch gegen Moldawien (11. Oktober) und Norwegen (28. März 2007) in Frankfurt spielen.